
Bauen sich alle Kunden ihre Tools jetzt selbst?
Im Juli 2025 hat die Forschungsorganisation METR eine Studie veröffentlicht, die eine ganz einfache Frage sauber beantworten sollte. Macht KI erfahrene Entwickler schneller? Sechzehn erfahrene Open-Source-Entwickler bearbeiteten 246 echte Aufgaben in ihren eigenen Projekten, und per Zufall wurde entschieden, bei welchen davon sie KI benutzen durften und bei welchen nicht.
Das Ergebnis war ein ziemlicher Reality-Check. Vorher schätzten die Teilnehmer, mit KI 24 Prozent schneller zu sein. Und auch selbst nach der erledigten Arbeit fühlten sie sich immer noch 20 Prozent schneller. Die Stoppuhr war allerdings anderer Meinung. In Wirklichkeit waren sie 19 Prozent langsamer.[1]
Die Illusion vom schnellen Code
Noch spannender ist aber eigentlich, was danach passiert ist.
Als METR das Experiment nur wenige Monate später wiederholen wollte, kam kein brauchbares Ergebnis mehr zustande. Der Grund steht trocken in den methodischen Anmerkungen. Man fand einfach nicht mehr genug Entwickler, die bereit waren, ohne KI zu arbeiten. Auch die 50 Dollar Stundenhonorar haben daran nichts geändert. Und wer trotzdem antrat, reichte teils bis zu 50 Prozent der Aufgaben gar nicht erst ein, weil sie diese nicht ohne KI erledigen wollten.[2]
Das Ganze beweist eine Abhängigkeit deutlicher, als es jede Umfrage könnte. Die Leute haben reale Dollar auf dem Tisch liegen lassen, nur um nicht auf ihren KI-Assistenten verzichten zu müssen.
Und dieser Reflex erfasst längst nicht mehr nur Programmierer. Die Hürde, eigene Software zu bauen, ist so extrem gesunken, dass Unternehmen sich ihre Tools inzwischen einfach selbst zusammenklicken. Aufträge, für die sie früher blind eine Agentur bezahlt hätten, machen sie jetzt inhouse. Genau darum ging es neulich in unserem Podcast Buzzsozial.
Sterben jetzt die Agenturen?
In unserer Folge zu Agentic Coding hatten wir Fabian Rossbacher zu Gast. Er ist Gründer des SEO Days und seit den Neunzigern Entwickler. Heute baut er allein Software in einem Tempo, das er selbst mit 25.000 bis 35.000 Codezeilen am Tag angibt.
Irgendwann im Laufe des Gesprächs sagte er folgenden Satz:
„Die Kunden sind schlauer geworden, weil die sich ihre eigenen Tools bauen. Das Agentursterben hat begonnen und ist schon mittendrin."[3]
Das ist keine Prognose, sondern eine Beobachtung, und zumindest der erste Teil ist wohl kaum zu bestreiten. Das beste Beispiel dafür liefert Fabian gleich mit. Seine Freundin hat mit ihrer kleinen Agentur vor anderthalb Jahren noch klassische WordPress-Seiten gebaut. Seit einem Dreivierteljahr arbeitet sie nun nur noch mit Cursor, auch für ihre Kundenprojekte. Eine Agenturinhaberin hat damit im Prinzip ihre eigene Produktionsweise ersetzt.
Bemerkenswert ist auch, wie schnell das ging. Vor zwei Jahren hätte ein Kunde für ein einfaches internes Tool noch ein Angebot eingeholt, heute baut er es sich einfach selbst. Ganz falsch liegt Fabian mit seinem Schluss also nicht. Was ein Kunde schnell selbst hinbekommt, lässt sich kaum noch verkaufen. Egal, ob das nun das schnelle Dashboard ist, der Standardreport oder das kleine Tool, das es vor allem gibt, damit man eben eins hat.
Mit ganzheitlicher Toolentwicklung oder Content-Produktion an sich hat das aber wenig zu tun. Die sind nicht verschwunden. Sie verlangen heute nur etwas anderes als früher.
Der Tunnelblick beim Vibe Coding
Die Teilnehmer der METR-Studie hatten das Gefühl, mit KI schneller zu sein, und waren es im Endeffekt nicht. Das Gefühl kennt vermutlich jeder, der sich gerade sein erstes eigenes Tool zusammengebaut hat. Es läuft, es sieht ordentlich aus, und nach ein paar Stunden steht etwas da, wofür man früher Wochen gebraucht hätte. Was man in diesem Moment aber nicht sieht, ist alles, was sich nur von außen erkennen lässt.
Man sieht zum Beispiel nicht, ob es überhaupt das richtige Tool ist. Wenn Code keine Hürde mehr ist, bleibt als einziger Engpass nur noch die Idee selbst. Und wo die fehlt, wird eben einfach nur gebaut, was naheliegt. In Fabians Unternehmerrunde gibt es dafür einen Running Gag. Wenn dort jemand sagt, man müsse jetzt mal eben was mit KI machen, kommt die Antwort: „Ja, dann bau noch ein Dashboard. Vielleicht hilft ja noch ein Dashboard, das Problem zu lösen."
Das kommt euch bestimmt bekannt vor. Bauen ist plötzlich das Leichteste der Welt. Aber das Gespür dafür, was ein Problem wirklich löst, liefert einem die KI eben nicht mit.
Genauso schwer ist es, von innen zu beurteilen, ob das Ergebnis wirklich taugt. Wer selbst daran gebaut hat, sieht vor allem, was er sehen wollte, und das gilt für Profis genauso wie für Einsteiger. Nicht ohne Grund lassen selbst erfahrene Entwickler ihre Oberflächen häufig von Fremden testen. Wer sich sein erstes Tool baut, hat so jemanden meistens nicht und bekommt deshalb auch kein ehrliches Feedback.
Und nur, weil etwas heute läuft, heißt das nicht, dass es in einem halben Jahr immer noch funktioniert. Wer der KI einfach sagt, was er haben will, bekommt jedes Mal einen etwas anderen Code-Weg. Das fällt dann meistens erst auf, wenn man später etwas ändern will und dabei plötzlich an einer ganz anderen Stelle etwas kaputt geht.
Wer ernsthaft mit KI entwickelt, muss ihr deshalb vorher feste Regeln mitgeben. Also wie gebaut werden soll, damit sie jedes Mal nach demselben Prinzip arbeitet. Das ist der große Unterschied zu dem, was man sich unter Vibe Coding meistens vorstellt. Solche Regeln entstehen nicht an einem Tag. Bis die KI zuverlässig so arbeitet, wie man es braucht, vergehen oft Wochen, in denen man vieles von dem wieder wegwirft, was sie gebaut hat. Diese Arbeit sieht man keinem fertigen Tool an.
Und sobald das Gebaute nicht nur intern laufen, sondern dazu auch Kunden erreichen soll, kommt noch etwas hinzu. Ob es überhaupt jemand findet, sieht man von innen nämlich am wenigsten. Das gilt vor allem für Websites, die sich einige Unternehmen inzwischen genauso selbst bauen wie ihre Tools. Online steht so eine Seite ziemlich schnell, in Google oder in einer KI-Antwort taucht sie dadurch aber noch lange nicht auf. Welche Inhalte dafür gebraucht werden, wie eine Seite aufgebaut sein muss, damit Suchmaschinen und Sprachmodelle sie verstehen, und wer von außen auf sie verweist, entscheidet kein Cursor-Abo. Und wenn jeder in kurzer Zeit eine Seite bauen kann, gibt es Massen davon, und umso weniger fällt die einzelne auf.
Das meiste sieht man erst von außen
Beim Bauen sichtbar
- Es läuft
- Es sieht ordentlich aus
Nur von außen sichtbar
- Ist es das Richtige?
- Taugt es wirklich?
- Läuft es in einem halben Jahr noch?
- Findet es jemand?
Und die Agenturen?
Sterben sie nun also?
Schwer haben es definitiv die, deren Arbeit vor allem aus dem bestand, was ein Kunde heute selbst baut. Dafür macht niemand mehr Budget frei.
Alles, was man von innen nicht sieht, lässt sich aber eben nicht einfach mal mitbauen. Ob etwas das Richtige ist, ob es taugt, ob es hält und ob es jemand findet, erkennt man nur von außen. Und je mehr gebaut wird, desto wichtiger wird genau dieser Blick. Auch bei uns verschiebt sich dadurch, wofür Kunden uns brauchen.
Die METR-Teilnehmer waren sich sicher, schneller geworden zu sein. Dass sie es nicht waren, haben sie nur erfahren, weil jemand von außen nachgemessen hat. Genau diesen Blick von außen liefert eine gute Agentur, und den kann sich kein Kunde selbst bauen.
Quellen
- [1]METR, „Measuring the Impact of Early-2025 AI on Experienced Open-Source Developer Productivity", 10.07.2025. Randomisiert kontrollierter Versuch, 16 erfahrene Open-Source-Entwickler, 246 reale Aufgaben in den eigenen Repositories. Eingesetzt wurden überwiegend Cursor Pro mit Claude 3.5 und 3.7, also der Modellstand von Anfang 2025.
- [2]METR, „We are Changing our Developer Productivity Experiment Design", 24.02.2026. Die Nachmessung von Ende 2025 ergab kleinere Effekte, bei neu rekrutierten Entwicklern nur noch minus 4 Prozent bei einem Konfidenzintervall von minus 15 bis plus 9 Prozent. METR bezeichnet diese Daten wegen der Selektionseffekte selbst als nur sehr schwaches Evidenzniveau. Die 19 Prozent von 2025 sind damit nicht der heutige Stand, sondern eine Momentaufnahme mit den Modellen von damals.
- [3]Alle Zitate von Fabian Rossbacher aus der Buzzsozial-Folge „Agentic Coding", aufgezeichnet im August 2026. Seine Angabe zur Zeilenzahl pro Tag ist eine Selbstauskunft und von uns nicht überprüft.
Content Managerin
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